Stellten die Studienergebnisse vor: Johannes Thormann, Geschäftsführer ASB Rhein-Erft/Düren, ASB-Bundesvorsitzender Knut Fleckenstein, Leiterin Kommunikation beim ASB-Bundesverband Diana Zinkler, Dr. Cordula Dittmer von der Freien Universität Berlin, ASB-Geschäftsführerin Einsatzdienste und Bildung Edith Wallmeier und Max Aulenbacher von der Hochschule Bielefeld (v. l.).

Fünf Jahre nach der Flut: Warum wir noch nicht krisenfest sind

Erkenntnisse aus dem ASB-Resilienzprogramm zum Jahrestag der Hochwasserkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz

Schlagartig wurde uns klar, dass es um Leben und Tod geht“, beschreibt Johannes Thormann die dramatischen Momente am 14. Juli 2021. Als die Wassermassen der Jahrhundertflut seine Heimat Erftstadt erreichen, befindet sich der Geschäftsführer des ASB Rhein-Erft/Düren „plötzlich mitten in einem Krisengebiet“. Was folgt, ist der mit mehr als 2.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus dem gesamten Bundesgebiet größte Einsatz in der Geschichte des Arbeiter-Samariter-Bundes. Einer, der bis heute wirkt.

Rund fünf Jahre danach berichtet Thormann in der Berliner ASB-Bundesgeschäftsstelle aus erster Hand von den vielen Herausforderungen des Einsatzes. Der Bundesverband hat dort zur Pressekonferenz geladen, um die Erkenntnisse aus dem ASB-Resilienzprogramm vorzustellen und die Frage zu beantworten: Wie krisenfest ist Deutschland heute, fünf Jahre nach der katastrophalen Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz?

Krisenvorsorge immer noch nicht ausreichend
Im ASB-Resilienzprogramm haben der ASB, die Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin (KFS) und die Hochschule Bielefeld (HSBI) von Januar 2024 bis Juni 2026 untersucht, wie kommunale Resilienz gestärkt werden kann. Dazu wurden 350 Menschen in drei Regionen befragt sowie qualitative Voruntersuchungen, Workshops und Fallstudien durchgeführt.

Die untersuchten Kommunen Erftstadt und Mechernich in Nordrhein-Westfalen waren von der Flutkatastrophe direkt betroffen, die Vergleichsregion Neustadt in Sachsen hatte bereits 2013 mit einem Hochwasser gekämpft. Das Programm wurde mit Mitteln von Aktion Deutschland Hilft gefördert.

Fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe fällt die Bilanz differenziert aus. Zwar wurden Warnsysteme modernisiert und der Bevölkerungsschutz punktuell weiterentwickelt. Doch die Studien des ASB zeigen, dass viele Menschen trotz eines gestiegenen Problembewusstseins weiterhin nicht ausreichend auf Krisen vorbereitet sind. In Erftstadt bewerteten etwa 44 Prozent der Befragten ihre Krisenvorsorge als ungenügend.

Edith Wallmeier_kleiner

„Wir brauchen eine Gesellschaft, die mehr aufeinander achtet.“

Edith Wallmeier,
ASB-Geschäftsführerin
Einsatzdienste und Bildung

Entscheidend ist dabei: Vorsorge scheitert häufig nicht am Willen, sondern an fehlenden Voraussetzungen – etwa an Zeit, geeigneten Informationen oder alltagsnahen Zugängen. Gleichzeitig bestätigt die Forschung, dass Resilienz vor allem dort entsteht, wo Menschen in funktionierende Gemeinschaften eingebunden sind. Nachbarschaften, freiwilliges Engagement und gegenseitige Unterstützung erwiesen sich als tragende Säulen der Krisenbewältigung.

Resilienz muss im Alltag beginnen
Aus den Erkenntnissen leitet Edith Wallmeier, ASB-Geschäftsführerin Einsatzdienste und Bildung, konkrete Konsequenzen für einen zukunftsfesten Bevölkerungsschutz ab. Im Mittelpunkt stehe die Stärkung der Selbsthilfefähigkeit: Menschen brauchen alltagsnahe Möglichkeiten, Vorsorge einzuüben und Sicherheit für Krisensituationen zu gewinnen. Gleichzeitig dürfe Katastrophenvorsorge nicht von Einkommen, Wohnsituation oder gesundheitlichen Voraussetzungen abhängen.

Ebenso wichtig seien eine verständliche und handlungsorientierte Risiko- und Krisenkommunikation sowie die nachhaltige Stärkung von Ehrenamt und lokalen Netzwerken als Fundament resilienter Gemeinschaften. Dabei ist besonders die langjährige Forderung nach einer einheitlichen Regelung zur Helfergleichstellung zu nennen. Schließlich brauche es „niedrigschwellige Bildungs- und Beteiligungsangebote, die Vorsorge erlebbar machen und Menschen befähigen, Krisen gemeinsam zu bewältigen“, sagt Wallmeier.

Als konkrete Antwort auf diese Handlungsbedarfe entstand im Rahmen des ASB-Resilienzprogramms die Methodenbox „Gemeinsam resilient“. Damit soll Resilienz nicht nur erforscht, sondern im Alltag praktisch erlebbar werden.

Gemeinsam resilient  

Mit der Methodenbox „Gemeinsam resilient“ übersetzt der ASB wissenschaftliche Erkenntnisse seines Resilienzprogramms in ein praxisnahes Bildungsangebot für mehr Katastrophenvorsorge und Zusammenhalt. Die Box richtet sich an Schulen, Vereine, soziale Einrichtungen, Kommunen, Hilfsorganisationen und Initiativen und kann flexibel an unterschiedliche Zielgruppen angepasst werden. 60 Methodenkarten und eine Begleitbroschüre behandeln Themen wie persönliche Notfallvorsorge, Erste Hilfe, Medienkompetenz, psychische Gesundheit und Gemeinschaft. Ziel ist es, Wissen über Krisen zu vermitteln, Selbstschutz und Selbsthilfe zu stärken sowie den Austausch, gegenseitiges Verständnis und gemeinsames Handeln zu fördern. So unterstützt die Methodenbox Menschen dabei, sich gemeinsam mit Krisenvorsorge und Resilienz auseinanderzusetzen. Die Resilienzbox wird zeitnah allen ASB-Gliederungen zum Selbstkostenpreis zur Verfügung gestellt.

Resilienz-Methodenbox

Drei Karten aus der Methodenbox zum Thema „Resilienz“.

Text: Albert Linner