Leben retten – mit Mut, Medizin und Trinkwasser

FAST wird 20: Im Einsatz mit der Nothilfe-Einheit des ASB in Mosambik

Es ist ein ruhiger Februartag am Flughafen Frankfurt, fast schon gemächlich. Draußen ringen bei leichtem Nieselregen Winter und Frühling um die Oberhand. Drinnen rattern Rollkoffer, gedämpfte Durchsagen verhallen unter den hohen Decken. In einer Ecke von Abflughalle C werden derweil geschäftig Moskitonetze verpackt, Stirnlampen verteilt und Anti-Malaria-Tabletten verstaut.

Was nach Safari-Vorbereitungen aussieht, hat einen ernsten Hintergrund. Wochenlange Regenfälle und schwere Tropenstürme haben große Teile von Mosambik überschwemmt, sodass sich Cholera im ganzen Land ausgebreitet hat. Die Regierung des südafrikanischen Landes ersuchte die internationale Gemeinschaft um schnelle Unterstützung.

Auch der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland reagiert. Von Frankfurt aus brechen Teams in die Provinz Tete im Nordwesten Mosambiks auf. Für solche Nothilfe-Einsätze gibt es seit nunmehr 20 Jahren FAST, das Soforthilfeinstrument der ASB-Auslandshilfe. Nach Katastrophen oder Konflikten leisten die Ehrenamtlichen des FAST weltweit humanitäre Hilfe in den Bereichen Trinkwasseraufbereitung und medizinische Versorgung.

Der Name erklärt die Aufgabe: FAST steht nicht nur für Schnelligkeit, sondern auch für „First Assistance Samaritan Team“.

Interview: „Bei FAST fällt mir ein Wort ein: Macher“

Arielle Kaim forscht an der Tel Aviv University im Bereich Notfall- und Katastrophenmedizin und berät internationale Institutionen zu humanitärer Hilfe und Katastropheneinsätzen. Die 28 Jahre alte Wissenschaftlerin war in Mosambik dabei, sie hat das Cholera-Nothilfekonzept mit entwickelt, welches vom ASB in Mosambik erstmals in der Praxis angewendet wurde.

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First (engl., adj.) → Erste(r); an erster Stelle.

2006 gegründet, dauerte es bis ins Jahr 2009 bis zum ersten offiziellen Auslandseinsatz von FAST nach einem schweren Erdbeben auf der indonesischen Insel Sumatra.

Das Konzept der akuten humanitären Hilfe war beim ASB auch davor nicht neu. Der erste Einsatz liegt sogar schon über 100 Jahre zurück, bei der Hungersnot in Russland im Jahr 1921. Seitdem machten sich immer wieder Teams aus verschiedenen ASB-Gliederungen auf, um bei Notsituationen im Ausland schnelle Hilfe zu leisten. Mit FAST wurden diese Aktivitäten gebündelt – mit dem Ziel, schnell und koordiniert zu helfen.

Kurzfristig wird der Weiterflug gestrichen 
Ihren ersten FAST-Einsatz erlebt Annette Keil in Mosambik. Sie fand schon 2009 über den Schulsanitätsdienst den Weg zum ASB-Kreisverband Nürnberg-Fürth, mittlerweile ist die 32-Jährige Assistenzärztin. Damit es nun zum ersten Mal mit einem FAST-Einsatz klappen konnte, musste sie ihre Abwesenheit erst mal organisieren: „Ich habe bestimmt 50 WhatsApp-Nachrichten an einem Wochenende geschrieben, bis ich alle meine Dienste getauscht hatte“, erzählt die junge Medizinerin aufgeregt auf dem Flug zum ersten Zwischenstopp in Istanbul.

Dort angekommen, wartet jedoch die erste Planänderung auf die FAST-Mannschaft – der Weiterflug innerhalb Mosambiks wurde kurzfristig gestrichen. Leise Unruhe in der Gruppe: „Wie viel Zeit wird uns das kosten?“

Assistance (engl., n.) → Hilfe; Unterstützung; Assistenz.

Florian Hauke bleibt gelassen. Der FAST-Referent ist in der ASB-Auslandshilfe seit 2017 für die Nothilfe-Einsätze zuständig. Er leitet schon seinen elften FAST-Einsatz. Noch vor der Landung in Mosambiks Hauptstadt Maputo hat er schon ein Hotel für die Nacht und den Weiterflug zum Zielort Tete am nächsten Morgen organisiert.

Florian versteht seine Aufgabe als Einsatzleiter im Assistieren der ehrenamtlichen Einsatzkräfte. „Wir Hauptamtlichen schaffen den Rahmen, damit die Freiwilligen ihre Erfahrung und berufliche Qualifikation vor Ort bestmöglich einbringen können“, erklärt der 44-Jährige.

Den Freiwilligen zu assistieren und sie bestmöglich auf ihren Einsatz vorzubereiten, ist schon im Vorfeld die Aufgabe des Bundesverbandes. Einmal im Jahr findet ein Einführungskurs statt, über den der Einstieg ins FAST erfolgt. Es folgen Pflichtseminare, in denen für Themen wie interkulturelle Kommunikation oder Sicherheit im Auslandseinsatz sensibilisiert wird. Darüber hinaus wird in Fachseminaren für Medizin und Trinkwasseraufbereitung das nötige Spezialwissen erlernt.

Rund eineinhalb Jahre dauert die WHO-zertifizierte Ausbildung in der Regel. Wer alle notwendigen Module absolviert hat, landet in einem bundesweiten Pool von aktuell rund 160 Freiwilligen. Aus diesem rekrutieren sich im Ernstfall die Einsatzteams.

Über staubige Pisten ins Hinterland
„Das ist das beste Training der Welt“, strahlt Hannah Egger. Die 41-Jährige erfuhr von FAST eher zufällig, als der ASB im Hinterhof ihres damaligen Arbeitgebers Aktion Deutschland Hilft ein Sicherheitstraining durchführte.

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Annette Keil (l.) und Jamil Musholt (M.) mit Gemeindemitgliedern: Bei FAST geht es darum, Ressourcen bereitzustellen und Wissen zu teilen.

„Ich war sofort Feuer und Flamme“, sagt Hannah. Danach absolvierte sie alle Module und startete 2019 in ihren ersten Einsatz, ebenfalls zur Cholera-Bekämpfung nach Mosambik. Auf der jetzigen Mission ist Hannah für die Logistik zuständig.

Und diese ist eine Herausforderung. Denn der Einsatzort des ASB-Teams ist eine weit abgelegene Siedlung mit etwa 4.000 Menschen. Mit Allrad-Geländewagen geht es für die Ehrenamtlichen nach der Ankunft über unbefestigte Straßen, bis der Weg endet und eine weitläufige Ansammlung einfacher Holzhütten beginnt. Die Menschen leben in prekären Verhältnissen, ohne Strom, ohne sauberes Wasser und weitgehend abgeschnitten von medizinischer Versorgung. Der Cholera-Ausbruch hat an diesem Ort tödliche Folgen. Vier Menschen seien in den vergangenen Tagen daran verstorben, erzählt eine junge Dorfbewohnerin, als das FAST-Team eintrifft: „Das Wasser macht uns krank.“

Die Ehrenamtlichen werden in den nächsten Tagen gemeinsam mit den Menschen vor Ort Wasserfilter für sauberes Trinkwasser installieren, einfache Cholera-Behandlungsstationen aufbauen und die Bevölkerung im Betrieb und in der Wartung der Anlagen schulen. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden dabei von Anfang an miteinbezogen, nichts geschieht ohne ihre Zustimmung. Die Unterstützung folgt den Bedürfnissen der Betroffenen, nicht den Vorstellungen von Helferinnen und Helfern.

Samaritan (engl., n.) → Samariter:in, der/die; eine Person, die anderen selbstlos hilft.

Ralf Hennig und Jamil Musholt sind auch im richtigen Berufsleben echte Samariter. Hennig kam schon 1991 zum ASB, leistete beim Ortsverband Darmstadt seinen Zivildienst und blieb den Samaritern bis heute treu, auch weil er sich mit den Werten „voll“ identifiziert, wie er sagt. Heute arbeitet der 54-Jährige als Bereichsleiter Rettungsdienst beim ASB-Regionalverband Südhessen. Die Auslandseinsätze sind für ihn eine willkommene Abwechslung vom Büroalltag.

Für den FAST-Einsatz in Mosambik wurde Ralf von seinem eigentlichen ASB-Job freigestellt. Auch der 33-jährige Jamil hat sich Urlaub genommen. Er ist Notfallsanitäter beim ASB Dortmund, wo er schon seit 2013 Mitglied ist. Anstatt im Rettungswagen zu sitzen, steht Jamil jetzt zwischen Annette, Ralf und einer Gruppe von Freiwilligen aus der Dorfgemeinschaft. Sie haben sich gemeldet, um die Cholera-Station weiterzubetreiben, wenn das ASB-Team wieder weg ist.

Ressourcen bereitstellen, Wissen teilen
Bei 35 Grad Celsius hat sich das Grüppchen in den Schatten einer Baumgruppe verzogen. Der Schweiß tropft Jamil von der Stirn. Annette und Ralf geht es nicht anders, als sie gestenreich erklären, welche Hygienemaßnahmen beim Umgang mit Erkrankten eingehalten werden müssen und wie die Ausgabe der therapierenden Elektrolytlösung an die Betroffenen erfolgt.

Denn die Arbeit von FAST bedeutet nicht, Lösungen von außen aufzudrängen, sondern Menschen in die Lage zu versetzen, selbstbestimmt ihre Herausforderungen zu meistern. Es geht darum, Ressourcen bereitzustellen, Wissen zu teilen und Sicherheit zu garantieren – immer mit Respekt vor der Würde, den Fähigkeiten und der Erfahrung der Betroffenen.

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Es geht nur gemeinsam: Einsatzleiter Florian Hauke (l.) und FAST-Ehrenamtliche Hannah Egger (r.) vermessen mit Dorfbewohnern den Grundriss für die Cholera-Behandlungsstation.

Team (engl., n.) → eine Gruppe von Menschen mit einem gemeinsamen Ziel.

Es klappt am Ende nicht alles, was sich das Team vorgenommen hat. Statt zweier Cholera-Behandlungsstationen ist bei Abreise nur eine in Betrieb, es liegt nun an den lokalen Gesundheitsbehörden, auch die zweite fertigzustellen. Doch für Einsatzleiter Florian Hauke ist der Einsatz dennoch ein „super Erfolg“. Weil mit einfachen Mitteln in kurzer Zeit Menschenleben gerettet werden konnten. Weil die Freiwilligen ihre Leidenschaft und Erfahrung für ein gemeinsames Ziel einbringen konnten und sich den Gegebenheiten vor Ort flexibel anpassten. Weil die Betroffenen offen waren für Unterstützung von außen.

Vor allem aber auch, weil Teamwork großgeschrieben wurde – auch über die FAST-Mannschaft hinaus. Teil des Teams sind immer auch zwei Mosambikaner mit den klangvollen Namen Blessing und Nollege von der lokalen Partner-NGO WatSan. Erstmals sind zudem Einsatzkräfte der ASB-Partnerorganisation Apotheker ohne Grenzen Teil des Teams und bringen ihre Erfahrungen mit ein.

Peers holen die Ehrenamtlichen nach der Rückkehr ab Der Teamgedanke steht innerhalb der FAST-Gruppe ganz oben. In abendlichen Stuhlkreisen werden die mitunter belastenden Erlebnisse des Tages gemeinsam reflektiert, die Gefühle im geschützten Rahmen offen besprochen.

Und auch nach dem Ende des Einsatzes werden die Ehrenamtlichen nicht mit ihren Erfahrungen alleingelassen. Andere Ehrenamtliche aus dem FAST-Pool holen die Einsatzkräfte nach ihrer Rückkehr vom Flughafen ab und unterstützen in Gesprächen dabei, das Erlebte zu verarbeiten. „Das finde ich sehr schön“, sagt Annette, die junge Ärztin. „Weil es zeigt, dass sich der ASB um die Menschen kümmert.“

Text: Albert Linner

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