
Der Weg zur eigenen Stimme
Mit 15 Jahren wurde Inga verheiratet. Heute macht sie anderen Frauen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen
Zwischen den grünen Berghängen ihrer georgischen Heimat hält Inga einen Moment inne. Sie schöpft Wasser aus einer Quelle, hinter ihr erstrecken sich Wiesen, und nur ein paar Häuser stehen darauf. Von hier wegzugehen, kam für die 45-Jährige nie infrage. „Ich kann die Berge nicht verlassen“, sagt sie. Was sie heute aber hinter sich gelassen hat, ist das Schweigen. „Frauen verdienen Wahlfreiheit. Frauen verdienen eine Stimme.“
Als Inga noch keine 16 Jahre alt war, besuchte sie die 9. Klasse. Dann beschlossen ihre Familie und die Familie ihres künftigen Mannes, dass sie heiraten sollte. In ihrer Heimat Khulo widerspreche man solchen Entscheidungen nur selten, erzählt sie. Sie tat es zumindest ein Stück weit. Ihre Zustimmung knüpfte sie an eine Bedingung: Sie wollte weiter zur Schule gehen. Beide Familien willigten ein. Eine Woche nach der Hochzeit kehrte sie in den Unterricht zurück. Doch die Fragen blieben: Warum durfte sie keine Kindheit haben wie andere? Warum konnte sie sich nicht einfach auf ihre Bildung und ihre Zukunft konzentrieren?
Verantwortung bis zur Erschöpfung
Nach der Hochzeit zog Inga in einen Haushalt mit 13 Personen. Aus der Schülerin wurde über Nacht diejenige, die den Alltag der Großfamilie organisierte. Sie führte den Haushalt, kümmerte sich um die vier Kinder ihrer Schwägerin und übernahm Verantwortung, die kaum zu bewältigen war. Vor Erschöpfung wog sie zeitweise nur noch 46 Kilogramm. Anerkennung erhielt sie dennoch nicht. Im Gegenteil: Sogar ihre Eltern hätten ihr damals gesagt: „Selbst wenn du stirbst – bleib dort.“
Heute gehört ihr damaliger Mann nicht mehr zu ihrem Leben. Was geblieben ist, sind ihre drei Kinder – und die Erkenntnis, dass sie viel früher hätte gehen müssen. „Heute weiß ich: Auch wenn meine Ehe mit 16 zerbrochen wäre – ich hätte überlebt. Ich wäre wieder aufgestanden.“
Leicht war dieser Weg nicht. „Ich bin allein – innerlich. Und das ist die schwerste Last von allen“, sagt sie. Dennoch blieb sie ihrer Heimat in den Bergen treu. Heute führt sie ein Restaurant und einen kleinen Betrieb, der traditionelle georgische Süßigkeiten herstellt. Dort beschäftigt sie auch Frauen, die schwierige Lebensumstände oder Gewalt erlebt haben.

Heute unterstützt Inga im Rahmen des ASB-Projektes in Georgien andere Frauen, die Gewalt erlebt haben.
ASB-Projekt stärkt Frauen in Krisensituationen
Vor einigen Jahren lernte das Team des Projekts RISE (Reducing Inequality and Supporting Empowerment for Women in Crises) Inga bei einer Informationsveranstaltung in ihrer Heimatregion kennen. Das von der Samaritan Association of Georgia (SSK) gemeinsam mit dem ASB Georgien umgesetzte und von der österreichischen Bundesregierung geförderte Projekt stärkt Frauen in Krisensituationen und verbessert insbesondere in ländlichen und abgelegenen Regionen den Zugang zu Unterstützung.
Inga schloss sich einer Selbsthilfegruppe an, nahm an Schulungen teil und begann, ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit anderen Frauen zu teilen. Heute unterstützt sie das Projekt dabei, auch Frauen in den Bergregionen ihrer Heimat zu erreichen.
Dass sie heute so über sich sprechen kann, verdankt sie auch den Begegnungen mit anderen Frauen. „Ich beobachtete starke Frauen in Filmen und im echten Leben. Ich ahmte sie nach. Schritt für Schritt baute ich mich neu auf. Ich wollte nicht die Frau bleiben, die ich einmal war.“ Deshalb wünscht sie sich, dass mehr Frauen Geschichten hören, die Mut machen. „Vielleicht würde schon ein einziges Wort in ihnen bleiben.“
Inga hat ihren Weg gefunden
Wenn Inga ihrem 15-jährigen Ich heute begegnen könnte, würde sie fragen: „Warum hast du dich selbst aufgegeben? Warum hast du etwas getan, das du nie wolltest? Für wen?“ Damals, sagt sie, sei niemand an ihrer Seite gewesen, als sie Unterstützung am dringendsten gebraucht hätte.
Sie erzählt ihre Geschichte heute, weil sie hofft, dass andere Frauen früher erkennen, dass sie eine Wahl haben. „Wenn auch nur ein einziges Wort aus meiner Geschichte einer anderen Frau hilft, dann ist das bereits ein Sieg.“
Sie selbst hat ihren Weg gefunden. „Ich bin keine Last mehr – ich bin eine Frau, eine Mutter, ein Mensch.“
Ihre Unterstützung verändert Leben.
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Text: Tamar Mindadze/Albert Linner