Vom „Feuerstein“ zur App

Wie der ASB Erste Hilfe neu denkt – und mit ASB SCHOCKT lebensrettende Sekunden gewinnt

Lana Runge, Ersthelferin und FSJlerin beim ASB Nienburg, sieht, dass jemand Hilfe braucht, und eilt zu der Person.

Lana Runge, Ersthelferin und FSJlerin beim ASB Nienburg, sieht, dass jemand Hilfe braucht, und eilt zu der Person.

Petra Kirchhoff, Ersthelferin und auch  FSJlerin beim ASB-KV Nienburg, wird  über die ASB SCHOCKT-App alarmiert.
Über die App ASB SCHOCKT erfährt sie, wo der nächste Defibrillator in ihrer Nähe zu finden ist.
Lana Runge übernimmt die Herzdruckmassage, während Petra Kirchhoff den Defibrillator startet.

Als am 29. November 1888 in der Alten Jakobstraße 75 in Berlin der erste „Lehrkursus über Erste Hilfe bei Unglücksfällen“ begann, war das eine kleine Revolution. Sechs Zimmerleute um den Polier Gustav Dietrich hatten genug von Ohnmacht und Zufall auf den Baustellen der rasant wachsenden Stadt. Nach Einstürzen und schweren Unfällen fehlte es an allem: an Regeln, an Material, vor allem an Menschen, die wussten, was im Notfall zu tun ist. Also nahmen Arbeiter die Sache selbst in die Hand – und legten den Grundstein für den Arbeiter-Samariter-Bund.

Aus den frühen Samariter-Kursen wurden in den 1890er-Jahren Kolonnen, aus Kolonnen ein Verband, der 1909 bundesweit zusammenfand. Man trug Verwundete auf Räder- und Fahrradtragen, richtete Sanitätsdienste ein, bildete Laien aus und verankerte, was heute selbstverständlich scheint: Erste Hilfe gehört mitten ins Leben, an den Arbeitsplatz, in die Schule, auf die Straße. Der Gedanke ist bis heute derselbe – nur die Werkzeuge haben sich verändert.

Deutschlandweit bietet der ASB ein dichtes Netz an Kursen – für Führerscheinanwärterinnen und -anwärter, für Betriebe, für Kitas, Schulen und Familien. Was im 19. Jahrhundert als Selbstschutz der Arbeitenden begann, ist zur Bürgerkompetenz geworden: Wer helfen kann, rettet Zeit – und oft ein Leben.

Wenn Sekunden zählen: Alarmierung über System­grenzen
Zur Gegenwart gehört aber auch eine Realität, die die Gründer sofort verstanden haben: Im Notfall ist das Nötige selten dort, wo es gebraucht wird. Helfende müssen schnell gefunden, erreicht, geleitet werden. Genau hier setzt ASB SCHOCKT an, ein aktuelles Projekt im Verbund des ASB. Die Idee: Ersthelfende in der Nähe eines Notfalls über das Smartphone alarmieren, den nächstgelegenen Defibrillator anzeigen – und das App-übergreifend.

In Kooperation mit KatRetter können Leitstellen Helferinnen und Helfer erreichen, unabhängig davon, in welcher App sie registriert sind. Gerade wurde die Anbindung an die vierte Leitstelle in Deutschland realisiert: Nach der Integrierten Regionalleitstelle Schaumburg und Nienburg folgten die Zentralen Leitstellen Bergstraße und Dietzenbach (Landkreis Offenbach) in Hessen sowie eine erste Leitstelle in der Pfalz. Auch in Schwerin wird aktuell der Anschluss an die Leitstelle vorbereitet. Weitere Städte sollen schon bald folgen.

„Der Landesverband Hamburg hat ASB SCHOCKT 2018 entwickelt. Zuerst hieß das Projekt daher auch Hamburg SCHOCKT, und mit dem Wunsch anderer Landkreise, das auch zu nutzen, ist das Projekt an den Bundesverband gegangen, um es technisch und organisatorisch weiterzuentwickeln“, erklärt Ruven Börger, Referent für Digitalisierung beim ASB-Bundesverband.

Die Logik dahinter ist bestechend einfach: Je mehr qualifizierte Menschen schnell erreicht werden, desto eher beginnt die lebensrettende Kette, bevor der Rettungsdienst eintrifft. ASB SCHOCKT baut dafür auf zwei Säulen. Erstens: Alarmierung – registrierte Ersthelfende mit gültigem Erste-Hilfe-Nachweis (nach § 19 FeV) werden über die Leitstelle aktiviert. Zweitens: Transparenz – Bürgerinnen und Bürger können Defibrillatoren (AED) melden, Standorte pflegen und so die Lücken auf der Karte schließen. Auch ohne formale Qualifikation lässt sich so zur lebensrettenden Ersten Hilfe beitragen.

Technik als Verstärker, nicht als Ersatz
Die digitale Vernetzung ersetzt weder Ausbildung noch Professionalität; sie beschleunigt beides. Ausbildung schafft Handlungssicherheit – die App schafft Reichweite in Sekunden. Der Anspruch: aus vielen Inseln ein Netz zu knüpfen. Leitstellen, die bereits KatRetter nutzen, können ASB-SCHOCKT-Helfende mit einem administrativen Handgriff zusätzlich alarmieren; der Einsatzworkflow für Disponentinnen und Disponenten bleibt unverändert.

Dr. Uwe Martin Fichtmüller, Hauptgeschäftsführer des ASB, sagt über das Projekt: „ASB SCHOCKT zeigt, wie Digitalisierung Verantwortung schneller macht: Sie bringt Wissen und Hilfe dorthin, wo sie gebraucht werden. Unser Ziel ist klar: mehr Menschen erreichen, früher beginnen und dadurch mehr Leben retten.“

Wer einen Kurs besucht, stärkt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umgebung. Wer sich registriert, schenkt seiner Stadt und den Bürgerinnen und Bürgern Sekunden. Wer einen AED einträgt, schließt eine Lücke, die einmal entscheidend sein könnte.

Auch über die App wird der Rettungswagen gerufen.
Die Rettungssanitäterinnen sind da.

Machen Sie mit:

Buchen Sie einen Erste-Hilfe-Kurs, registrieren Sie sich als Ersthelferin oder Ersthelfer über ASB SCHOCKT und melden Sie den AED in Ihrer Nachbarschaft. Suchen Sie hier einen Erste-Hilfe-Kurs in Ihrer Nähe.

Text: Diana Zinkler