Ein Herz, zwei Schiffe, ein Auftrag
Zwei Tage an Bord der „Humanity 1“ vor der Küste Siziliens zeigen die Nöte der Seenotrettung auf dem Mittelmeer
Ein Kinderbild hängt an einer Wand an Bord der „Humanity 1“. Zwei Schiffe, eines klein, eines groß, eine Sonne, ein Herz. Es ist ein einfaches Bild. Ein Kind hat es gemalt, nachdem es aus dem Mittelmeer gerettet wurde. Wer es länger betrachtet, fragt sich, was dieses Kind erlebt haben muss.
Vor der Küste von Syrakus liegt das Schiff der Organisation SOS Humanity vor Anker. Die „Humanity 1“ wirkt groß, robust, funktional. Und doch steht sie für etwas, das weit über Technik und Logistik hinausgeht: für den Versuch, Leben zu retten – unter ohnehin schon schweren Bedingungen. Und sie ist ein Ort, an dem zur Realität wird, was in vielen politischen Debatten in Deutschland nur noch selten verhandelt wird.
Der ASB-Bundesvorsitzende Knut Fleckenstein war für zwei Tage an Bord der „Humanity 1“. Er führte Gespräche mit der Crew, erhielt Einblicke in Abläufe, Entscheidungen und Routinen und erfuhr mehr über die grausamen Zahlen: Mehr als 33.000 Menschen sind seit 2014 im Mittelmeer gestorben oder gelten als vermisst. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres waren es bereits über 600. Menschen fliehen über die tödliche Fluchtroute, weil sie oft keine Alternative haben: Sie entkommen Krieg und Gewalt, Diskriminierung, fehlenden Perspektiven und den Folgen des Klimawandels – oft auch schwersten Menschenrechtsverletzungen, Folter und willkürlicher Haft in Libyen oder Tunesien.
Manchmal werden die Flüchtenden auf die wackeligen, überfüllten Boote gezwungen, manche gehen freiwillig in der Hoffnung, die nächste Küste, europäisches Land zu erreichen. Sie haben Glück, wenn sie von einem der 21 Seenotrettungsschiffe im Mittelmeer entdeckt werden.
Wenn Einsätze stattfinden, kann das Schiff mehrere Hundert Menschen aufnehmen – bis zu 400, in Ausnahmesituationen auch mehr. Dann wird jeder verfügbare Raum genutzt. Decks werden zu Schlafplätzen, Abläufe greifen ineinander, jede Bewegung sitzt.
600
Menschen sind bereits in diesem Jahr auf der Flucht im Mittelmeer gestorben.
Zuerst werden die Verletzten und Kranken versorgt. Direkt neben der Leiter, über die die Geretteten an Bord kommen, liegt der medizinische Bereich – eine kleine, hoch funktionale Krankenstation mit Liegen, Verbandmaterial, Defibrillator und Medikamenten. Hier arbeiten bei jedem Einsatz ehrenamtlich Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte, die die Erstversorgung übernehmen. Viele von ihnen investieren dafür einen erheblichen Teil ihres Jahresurlaubs. Die Missionen dauern oft mehrere Wochen.
Extra Bereiche für Frauen und Kinder
Das System an Bord ist bis ins Detail durchdacht. Es gibt geschützte Bereiche für Frauen und Kinder, einen Raum, der fast wie ein kleiner Kindergarten wirkt: mit Wickelmöglichkeit, Spielsachen und bunten Bildern an den Wänden. Orte, die für einen Moment Normalität schaffen sollen – in einer Situation, die alles andere als normal ist.
Begleitet wurde der Besuch auch von Till Rummenhohl, Geschäftsführer von SOS Humanity. Er beschreibt die Lage mit Nachdruck: „Unsere Arbeit wird nicht nur von örtlichen Behörden behindert. Uns fehlen erhebliche Mittel zur Weiterführung unserer Arbeit. Als SOS Humanity sind wir nicht überrascht, aber dennoch empört, dass die Unterstützung mit zwei Millionen Euro pro Jahr für zivile Seenotrettungsorganisationen von der neuen Bundesregierung vorzeitig gestrichen wurde.“ Damit, so Rummenhohl, werde ein Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2022 ignoriert, der eine Förderung bis 2026 vorgesehen habe. Doch bereits 2025 entschied die Bundesregierung, die Mittel zu streichen.
Knut Fleckenstein sieht hier einen grundlegenden Widerspruch: „Wer heute im Mittelmeer Menschen rettet, handelt nicht politisch, sondern menschlich.“ Und doch werde genau dieses Handeln zunehmend erschwert – durch Festsetzungen von Schiffen, bürokratische Auflagen und fehlende politische Unterstützung. Der ASB setzt sich daher für eine europäische Lösung ein: „Wir fordern die europäischen Staaten auf, endlich zu handeln: Es braucht jetzt ein EU-koordiniertes Seenotrettungsprogramm. Menschenleben zu retten ist Pflicht – und darf nicht länger der Zivilgesellschaft allein überlassen werden.“
Der ASB unterstützt SOS Humanity seit Jahren – nicht als eigenes Projekt, sondern als Ausdruck dessen, wofür der Verband steht. Menschlichkeit, Verantwortung und Hilfe in akuten Notlagen. Es ist ein Engagement, das aus Überzeugung getragen wird – und aus dem Wissen, dass Hilfe dort gebraucht wird, wo sie am schwierigsten ist.
Das Kinderbild an der Wand bleibt am Ende im Kopf. Vielleicht weil es das, worum es hier geht, radikal sichtbar macht. Zwei Schiffe. Eine Sonne. Ein Herz.

An Bord tauscht sich ASB-Vorsitzender Knut Fleckenstein (2. v. l.) mit der Crew von SOS Humanity aus: Kapitän Joachim Ehlers (l.), Referentin Hannah Bergmann und Geschäftsführer Till Rummenhohl.
Text: Diana Zinkler