Annemarie-Renger-Preis 2026 für Iris Berben
„Wir müssen vermitteln, dass ihre Stimme zählt“
Für ihr jahrzehntelanges Engagement gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und gesellschaftliche Ausgrenzung hat der Arbeiter-Samariter-Bund Schauspielerin Iris Berben mit dem Annemarie-Renger-Preis 2026 ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über Verantwortung, Demokratie und Zusammenhalt – und darüber, warum zivilgesellschaftliches Engagement gerade heute unverzichtbar ist.
Frau Berben, gab es einen Moment in Ihrem Leben, der Ihr Engagement besonders geprägt hat?
Der entscheidende Impuls kam, als ich in den 1960er-Jahren zum ersten Mal nach Israel gereist bin. Ich bin mit vielen Fragen und auch mit viel Unwissen dorthin gefahren. Ich habe sehr schnell begriffen, wie tief, traurig und schmerzhaft Deutschland und Israel durch den Holocaust miteinander verbunden sind. Es waren dann die persönlichen Begegnungen mit Überlebenden, die mich besonders geprägt haben. Aus diesen Gesprächen ist für mich die Überzeugung erwachsen, dass wir Verantwortung für das übernehmen müssen, was geschehen ist – und dafür, dass sich so etwas niemals wiederholt.
Was bedeutet Ihnen der Annemarie-Renger-Preis?
Annemarie Renger war für mich eine außergewöhnliche politische Persönlichkeit. Sie hat sich schon sehr früh für den Dialog zwischen Deutschland und Israel eingesetzt – zu einer Zeit, als das keineswegs selbstverständlich war. Gleichzeitig war sie eine starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau. Das imponiert mir bis heute, vielleicht auch, weil meine Mutter ähnlich war. Später habe ich erfahren, dass sie sich selbst für das Amt der Bundestagspräsidentin vorgeschlagen hat. Auch das hat mich beeindruckt. Annemarie Renger gehörte zu den Menschen, die Haltung gezeigt haben, auch wenn sie damit unbequem waren. Deshalb bedeutet es mir sehr viel, einen Preis zu erhalten, der ihren Namen trägt.
Sie sagen oft, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Was braucht es, damit sich Menschen wieder stärker mit unserer Demokratie verbunden fühlen?
Vielleicht brauchen Menschen wieder stärker das Gefühl, gebraucht zu werden, wahrgenommen zu werden, Wertschätzung zu erfahren. Vor allem aber müssen sie spüren, dass sie Demokratie mitgestalten können. Ich glaube, dieses Gefühl ist vielen verloren gegangen. Vielleicht haben wir uns zu lange darauf verlassen, dass Demokratie einfach funktioniert. Dabei fühlen sich heute viele Menschen nicht gesehen, nicht gehört und nicht ernst genommen. Gerade deshalb müssen wir ihnen wieder vermitteln, dass ihre Stimme zählt.
Beim ASB übernehmen jeden Tag Menschen Verantwortung für andere. Welche Bedeutung hat zivilgesellschaftliches Engagement für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft?
Ich glaube, das ist eines der wichtigsten Fundamente unserer Gesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen einen Resignation oder Zweifel überkommen, gibt es unzählige Menschen, die sich oft ganz leise engagieren. Sie stehen nicht im Rampenlicht, weil das Gute selten so laut ist wie Ungerechtigkeit oder Hass. Aber sie sorgen jeden Tag dafür, dass Menschen nicht allein gelassen werden, dass sie Unterstützung erfahren. Das macht mir Mut. Und genau deshalb beeindruckt mich auch der ASB: Hier engagieren sich so viele Freiwillige für andere. Das ist ein starkes Zeichen – und es gibt Hoffnung.
Was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die angesichts von Krisen, Kriegen und gesellschaftlichen Konflikten das Gefühl haben, ihr eigenes Engagement könne nichts bewirken?
Zunächst einmal würde ich ihre Sorgen nicht kleinreden oder relativieren. Es hilft niemandem zu sagen: Das war früher schon so. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Aber ich würde ihnen auch sagen: Die Zukunft liegt in euren Händen. Ihr habt die Möglichkeit, Dinge zu verändern.
Wenn Sie auf Deutschland in zehn Jahren blicken: Was wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir, dass wir auch in zehn Jahren in einem demokratischen Land leben. Und ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen mit Lust und Überzeugung daran mitwirken, diese Demokratie zu erhalten. Denn sie ist nicht selbstverständlich.
Interview: Diana Zinkler

Knut Fleckenstein, ASB-Bundesvorsitzender, überreicht den Annemarie-Renger-Preis an Iris Berben.
„Vielleicht brauchen Menschen wieder stärker das Gefühl, gebraucht zu werden.“
Iris Berben