
Brandenburg

Die Kinder der ASB-Kita Maulwurf bauen ein Sandarium als Zuhause für bedrohte Sandbienen.
Ein Zuhause aus Sand
Wie die ASB-Kita Maulwurf Natur, Demokratie und Miteinander lebt
Der Sand fühlt sich kühl an an diesem Herbstmorgen. Mit kleinen Händen graben die Kinder Rinnen, häufen Hügel auf, füllen Eimer. „Hier müssen wir den Sand ganz locker lassen, sonst können die Sandbienen nicht graben“, erklärt die fünfjährige Nina und tupft eine Stelle vorsichtig glatt. Neben ihr kniet Erzieherin Madlen, die den Bau des Sandariums begleitet. Aus der Ferne ruft ein Junge: „Die Sandbienen brauchen Sand, sonst haben sie ja kein Zuhause!“
Es ist einer dieser Momente in der ASB-Kita Maulwurf in Dallgow-Döberitz, in denen Lernen ganz von selbst passiert. Unterstützt von einer Mitarbeiterin der Naturschutzstation Hahneberg entsteht an diesem Vormittag in einer sonnigen Ecke des Kita-Parkplatzes ein Sandarium – ein sicherer Nistplatz für die bedrohten Sandbienen. Gleich daneben setzen die Kinder Blumenzwiebeln als künftige Nahrungsquelle. Die Begeisterung ist sichtbar: Es ist ihr Projekt, sie verstehen seinen Sinn und sie gestalten es mit.
Naturschutz im Kita-Alltag – ein Netzwerk aus Ideen
Leiterin Stefanie Thörmann beobachtet die Szenerie mit einem zufriedenen Lächeln. „Soziales Miteinander beginnt im Garten“, erklärt sie später. Die Kita arbeitet eng mit der Berliner Naturschutzstation und dem Klimaschutzmanager der Gemeinde zusammen – Kooperationen, aus denen über die Jahre zahlreiche Projekte entstanden sind. So haben im vergangenen Sommer Kinder einer Schulklasse ein Insektenhotel gebaut, das in der Wildblumenwiese der Kita ein neues Zuhause gefunden hat.
Die Rasenflächen rund um den Parkplatz vor der Einrichtung werden seit Längerem nur minimal gepflegt – ein bewusstes Geschenk an die Natur, abgestimmt mit der Gemeinde. „Unsere Kinder sollen erleben, dass Natur Raum braucht“, erklärt Stefanie Thörmann. Und je häufiger die Kinder draußen sind, desto stärker werden ihre Fragen.
„Im Herbst wollte ein Kind wissen, warum manche Vögel in den Süden fliegen und andere nicht“, erinnert sie sich. „Darauf wusste ich spontan keine Antwort – und das war der Anfang eines neuen Projekts.“ Zusammen wurde geforscht, beobachtet, dokumentiert. Über die Jahre entstanden so Kräuter-Spiralen, ein Apfelprojekt oder Experimente mit Regenwürmern.
Demokratie im Kita-Alltag: Regeln, Rat und Selbstwirksamkeit
Viele dieser Projekte haben eines gemeinsam: Die Kinder entscheiden mit. „Es geht um Aushandlungsprozesse“, erklärt die Kita-Leiterin. Statt starrer Regeln gibt es in den Gruppen sogenannte „Wohlfühl-Regeln“, die die Kinder selbst entwickeln. Was braucht jede:r, um sich wohlzufühlen? Was gilt für alle? Die Kinder diskutieren, verhandeln, stimmen ab – und tragen die Regeln gemeinsam.
Dieses demokratische Selbstverständnis zeigt sich auch im Kinderrat. Alle drei Wochen treffen sich gewählte Vertreter:innen mit der Leitung. Dort geht es um Themen, die die Kinder bewegen – von neuen Spielmaterialien bis zur Frage, wie die Kita das Preisgeld aus dem Klimapreis verwenden soll.
Am 8. Oktober 2025 wurde die Kita Maulwurf nämlich mit dem Klimapreis des Landkreises Havelland ausgezeichnet – 1.000 Euro für ihr Engagement. „Damit hatten wir gar nicht gerechnet“, sagt Stefanie Thörmann. „Aber das Geld gehört den Kindern. Sie entscheiden.“ Der Prozess dauert, aber das ist gewollt. Demokratie braucht Zeit.

Bevor die Kinder selbst zu Schaufel und Eimer griffen, gab es eine kurze Einweisung – denn auch Sandbienenbau will gelernt sein.
Ein Ort der Vielfalt
Die Kita ist auf dem Weg, eine Inklusionskita zu werden. „Aber eigentlich sind wir das schon“, sagt Thörmann. „Wir haben Kinder mit besonderen Bedürfnissen – nur merkt man es im Alltag nicht, weil alle die gleichen Möglichkeiten bekommen.“
Toleranz und Offenheit gehören dazu: Ein Osternest basteln, obwohl ein muslimisches Kind in der Gruppe ist? Ja, aber freiwillig. „Jedes Kind entscheidet selbst. Manche sagen erst Nein und machen später doch mit – dann eben unter einem anderen Namen.“
Manchmal bringt der Alltag Themen ganz von allein: Ein toter Vogel im Garten wurde zum Anlass, gemeinsam über Abschied, Lebensabschnitte und den Wechsel der Jahreszeiten zu sprechen. Beim jährlichen Besuch bei der Pfarrerin konnten die Kinder diese Fragen vertiefen – ohne religiöse Vorgaben, aber mit viel Raum für Gefühle.
„Unsere Kinder gestalten ihr Lebensumfeld selbst“
Und immer wieder geht es nach draußen. Bei jedem Wetter. Für manche Eltern ist das ungewohnt. „Aber spätestens in der dritten Woche hat jedes neue Kind eine Matschhose hier“, freut sich Stefanie Thörmann. Im Garten, im Sand, beim Bauen, Beobachten und Verhandeln erleben die Kinder, dass ihre Stimme zählt. Dass sie etwas bewirken können. Dass Natur Schutz braucht – und dass sie selbst Teil dieser Natur sind.
Das Sandarium steht nun am Rand des Parkplatzes. Noch unscheinbar. Aber es ist ein Versprechen: ein Zuhause für Sandbienen – und ein Ort, an dem Kinder lernen, wie man die Welt gestaltet. Schritt für Schritt. Handvoll für Handvoll.
Das Modell eines Sandariums ermöglichte den Kindern Einblicke in die Lebensweise der Sandbienen.
Text: Christina Gericke/Nadine Koberstein