
Praxis auf vier Rädern
Das ASB-Hebammenmobil im Einsatz für einen guten Start ins Leben
Zunächst wirkt es zufällig. Wie eine dieser Straßenszenen, die man beiläufig registriert und gleich wieder vergisst. Doch dann fallen sie auf: die vielen Kinderwagen. Sie biegen von links und rechts in eine Straße im Süden von Essen ein, geschoben von Müttern, von Vätern, durch den feinen Nieselregen des Januarmorgens. In einem gleichmäßigen Rhythmus, etwa alle 20 Minuten, rollt der nächste heran.
Alle steuern dasselbe Ziel an: einen Transporter am Straßenrand. Die Schiebetür ist geöffnet, die Seiten zieren Aufkleber mit Babys, daneben ein Slogan: „Ein guter Anfang für jedes Leben.“ Und: ASB-Hebammenmobil.
Davor steht Nadia Hassan, die Hebamme. Gesteppte Jacke, ein warmes Lächeln. Sie begrüßt Hubanur Karakulluken, eine junge Mutter, beugt sich über den Kinderwagen und wirft einen kurzen Blick auf das drei Monate alte Baby. Dann bittet sie die 28-Jährige und ihre Tochter hinein in den umgebauten Transporter.
Das Hebammenmobil des Arbeiter-Samariter-Bundes ist eine rollende Praxis. Hier begleiten Hebammen Frauen medizinisch und beratend durch deren Schwangerschaft, Geburt und die ersten Monate mit dem Baby, geben Orientierung und sind emotionale Unterstützung. Das mobile Angebot richtet sich an diejenigen Frauen, die in Regionen leben, in denen reguläre Hebammen nicht verfügbar sind und Versorgungslücken bestehen. Aber auch an jene, die wegen ihrer schwierigen Lebensumstände keine Hebamme zu Hause empfangen können – oder wollen. Es ist das dritte Hebammenmobil des ASB in Nordrhein-Westfalen; die Fahrzeuge sind im Münsterland, in Essen und Bottrop im Einsatz.
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Auch andere ASB-Landesverbände wollen das Konzept übernehmen: Hamburg und Berlin wollen noch in diesem Jahr mit einem eigenen Hebammenmobil folgen, Bayern ist in der Planung. Doch kann ein mobiles Angebot leisten, was sonst niedergelassene Hebammen in Praxen oder bei Hausbesuchen übernehmen?
In der Kabine des Mobils setzen sich Hubanur Karakulluken und Nadia Hassan an einen kleinen Holztisch. Ein grauer Vorhang trennt den beheizten Behandlungsraum ab, ausgestattet mit Liege, Babywaage und vielen Schubladen. „Beim ersten Kind sind viele Frauen unsicher“, erklärt die Hebamme. „Meine Aufgabe ist es, sie an die Hand zu nehmen und den richtigen Weg zu zeigen“, sagt sie. „Damit die Frauen es selbst lernen.“
Mit sanftem Kneten massiert Nadia das Baby an den Füßen. „Wenn sie unruhig ist, reicht das oft schon.“ Hubanur nickt, hört aufmerksam zu. Es geht um das Trinken, ums Spucken, um eine anstehende Impfung, aber auch um die Frage, ob das Kind sich gut entwickelt. „Solange sie zunimmt, musst du dir keine Sorgen machen“, sagt Nadia.
Kennengelernt haben sie sich im Sommer des Vorjahres, zu dem Zeitpunkt war Hubanur im fünften Monat schwanger. Eine Freundin hatte ihr Nadia empfohlen. „Nach dem ersten Telefonat wusste ich: Ich möchte zu ihr.“ Seitdem begleitet die Hebamme sie, normalerweise bis das Kind ein halbes Jahr alt ist. Nadia nimmt sich Zeit, hört zu, beruhigt. Am Ende des Gesprächs senkt Hubanur ihre Stimme: „Ich habe einfach Angst, etwas falsch zu machen.“ Die Hebamme lächelt. „Angst gehört dazu. Aber du bist auf dem richtigen Weg.“
Das Hebammenmobil des Arbeiter-Samariter-Bundes ist im Ruhrgebiet regelmäßig in Essen und Bottrop im Einsatz und bringt Hebammenversorgung dorthin, wo sie dringend gebraucht wird.
Nadia Hassan wuchs in Aleppo auf, einer Stadt im Norden Syriens. Sie träumte davon, Kinderärztin zu werden. Das Studium war für ihre Familie nicht finanzierbar. Die Ausbildung zur Hebamme eröffnete ihr einen anderen Weg in die Medizin. In Syrien arbeitete sie lange im Krankenhaus und später in einer eigenen Praxis. Sie begleitete Geburten, machte Vor- und Nachsorge, assistierte bei Operationen und lernte, sich auf ihre Hände und ihr Gespür zu verlassen.
Nach ihrer Ankunft in Deutschland musste Nadia ihre Qualifikation neu anerkennen lassen. Sie arbeitete in verschiedenen Kliniken, lernte andere Abläufe kennen, neue Schwerpunkte: Geburtsvorbereitung, Stillberatung, die Begleitung im Wochenbett – vieles davon habe sie erst hier in dieser Tiefe gelernt, sagt sie.
Es überrascht wenig, aber eine Arbeit auf Rädern war nie ihr Plan. Anfangs sei das ungewohnt gewesen, sagt Nadia, aber mittlerweile sei es Routine – und habe Vorteile. Alles, was sie braucht, sei griffbereit, das Blutdruckmessgerät, der Doppler zum Abhören der Herztöne, die Testmaterialien für Urinproben. Vor allem sei das Mobil ein Ort, an dem Frauen sich öffnen. Ein Raum, der für eine ganze Weile nur der Frau gehört. Ihre größte Freude sei es, wenn Unsicherheit verschwindet und Vertrauen wächst. „Wenn ich sehe, dass Mama und Kind glücklich sind.“
Vor dem Hebammenmobil wartet der nächste Kinderwagen, daneben die schwangere Setara Jubalkhil. „Ich bin sofort bei euch“, sagt Nadia, während sie in der Akte von Jubalkhil blättert: 32 Jahre alt, im fünften Monat schwanger, die Tochter ist sieben Monate alt. Dann steigen sie in das Mobil, Nadia zieht den grauen Vorhang zum Behandlungsraum hinter sich zu. Es sind nur noch Stimmen und Geräusche zu hören. Ein kurzes Rascheln, das Klicken des Blutdruckmessgeräts, Nadia erklärt die Untersuchungsschritte. Sie nennt den Wert, ordnet ihn ein. „Das ist normal“, sagt sie.
Dann ein weiteres Geräusch, leiser, gleichmäßiger: der Doppler. Das rhythmische Pochen füllt den engen Raum. „Was macht das Geschwisterchen?“, fragt die Hebamme beruhigend. Dann: „143.“ Sie zählt kurz die Spanne auf, erklärt, was normal ist, was zu hoch wäre, was zu niedrig. „Siehst du? Alles gut.“ Man hört, wie sie Dinge aufzählt: Magnesium, Spray, Öl, Massage gegen Rückenschmerzen. Der Vorhang weicht. Beide machen einen neuen Termin aus. „Wenn etwas ist, melde dich.“
Jubalkhil sagt, sie fühle sich bei Nadia gut aufgehoben. „Sie ist wie eine Mutter.“ Es falle ihr leicht, sich zu öffnen, die Ängste mit der Hebamme zu teilen. Sie umarmt Nadia zum Abschied.
Es ist ein fast heiteres Bild an diesem Tag: Mütter, Väter und Kinder kommen zum Transporter, als hätte ein Eiswagen in der Nachbarschaft haltgemacht.
Aber wie kommt der ASB überhaupt auf die Idee, eine Hebammenpraxis in einen Transporter zu verfrachten, um so Frauen direkt und nah zu versorgen? Stefanie Könitz-Goes, Geschäftsführerin des Regionalverbandes Südwestfalen und Projektleitung beim ASB in Nordrhein-Westfalen, weiß es. Sie sitzt in einem Büro des Regionalverbandes Ruhr und erinnert sich noch gut an die ersten Bilder des Hochwassers 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Mit Tatkraft und Umsetzungswillen kam dort das erste Hebammenmobil zum Einsatz. „Unser Ziel ist, Frauen in herausfordernden Situationen frühzeitig und direkt anzusprechen – damit keine Schwangere und Mutter in dieser sensiblen Zeit allein bleibt.
Wir helfen nicht nur in Katastrophensituationen, sondern auch dort, wo Frauen und Familien nicht gut versorgt sind oder zusätzliche Hilfestellung benötigen.“
In Deutschland besteht ein gesetzlicher Anspruch auf Hebammenhilfe – doch viele Frauen wissen das nicht. „Eine gute Versorgung von Mutter und Kind durch eine geschulte Hebamme ist eine wichtige Versorgungsgrundlage während der Schwangerschaft und der so wichtigen ersten prägenden Wochen im Leben einer jungen Familie.“ Das Hebammenmobil ist dort im Einsatz, wo besonderer Versorgungsbedarf besteht, und bietet zugleich einen neutralen Schutzraum. „Was hier besprochen wird, bleibt hier“, sagt Könitz-Goes. Gerade für Frauen in belastenden Lebenslagen sei das oft der entscheidende Unterschied.
Die Anschaffung und Ausstattung des Hebammenmobils wurden vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert. Das laufende Angebot der Mobile wird aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. Die Hebammen selbst arbeiten weiterhin freiberuflich und rechnen ihre Leistungen regulär über die Krankenkassen ab. „Viele Frauen wissen heute gar nicht, wie sie eine Hebamme finden sollen“, sagt Könitz-Goes und nennt das zweite Ass im ASB-Ärmel: die elf Hebammenzentralen in NRW, eine davon in Bochum.
In einem unscheinbaren Wohnviertel in Bochum befindet sich eine Ladenfläche. Warmes Licht dringt aus den Fenstern, dahinter sind Kleiderstangen zu sehen, mit Kinderklamotten, in Kisten buntes Spielzeug, daneben ein Schild: „Such dir einfach etwas aus und spende, was du möchtest. Alle Spenden kommen unserer kostenlosen Hebammenvermittlung zugute! Vielen Dank!“
Im angrenzenden Büro stehen sich zwei Tische gegenüber, das Radio läuft leise im Hintergrund. Jennifer Kopp, Assistenz der Geschäftsführung und Koordination Hebammenzentrale, blickt vom Computerbildschirm hoch. Gemütlich ist es hier – so gemütlich, dass man kaum glauben mag, dass von diesem Ort aus mehr als 10.000 Vermittlungen erfolgt sind.
Die Vermittlung beginnt fast immer mit einem Formular auf der Website. Rund um die Uhr können Frauen dort ihre Anfrage stellen. Sie tragen ihren Wohnort ein, den errechneten Geburtstermin, die gewünschte Betreuung. „So habe ich direkt alle Daten, die ich brauche“, sagt Kopp. Wer anruft, hört außerhalb der Sprechzeiten eine Bandansage mit dem Hinweis auf das Formular. Telefonisch erreichbar ist die Zentrale bewusst nur an wenigen Vormittagen, damit genug Zeit bleibt, Anfragen auch wirklich zu bearbeiten.
Geht eine Anfrage ein, prüft Kopp sie zuerst selbst. „Ich telefoniere mit jeder Frau persönlich, um herauszufinden, welche Hebamme zu welcher Schwangeren passt.“ Sie erklärt auch, was Hebammen leisten und wie der Kontakt abläuft. Erst danach sucht sie in ihrer Datenbank nach einer passenden Hebamme.
Sagt diese Hebamme zu, verschickt Kopp die Kontaktdaten per E-Mail an beide Seiten. Erst wenn persönlicher Kontakt aufgenommen wurde, gilt die Betreuung als fest. Alles ist für Frauen und Hebammen kostenlos. Es gibt keine Gebühren, keine Vermittlungskosten.
Und was treibt die Vermittlerin an? Es seien die kleinen Gesten, sagt Kopp. Ein Anruf, bei dem jemand erleichtert aufatmet. Eine E-Mail mit einem Dankeschön. „Ich hatte auch schon Familien, die haben mir später Fotos von ihren Babys geschickt.“ Wenn aus einer schwierigen Anfrage ein passendes Match wird. „Dann denkst du: Das ist super.“ In diesen Momenten wird aus einer Excel-Tabelle wieder das, worum es hier eigentlich geht: Ein Kind, das gut ankommt. Mit einem guten Anfang für das Leben.
Text: David Fuhrmann