
Niedersachsen

Eine Krankenschwester mit einem kleinen Patienten – für viele ist die ASB-Klinik ihre einzige Chance auf medizinische Hilfe.
Ein neues Gesicht. Ein neues Leben.
Die ASB-Klinik in Gambia – wenn medizinische Hilfe mehr verändert als Gesundheit
Sie steht etwas abseits. Das Gesicht verhüllt, der Blick gesenkt. Als Jainaba, 22 Jahre alt und Mutter zweier Kinder, die ASB-Klinik erreicht, ist ihr Zustand bereits kritisch. Ein gutartiger, aber massiv wachsender Tumor – ein Ameloblastom – hat im Lauf der Jahre ihre gesamte Mundhöhle eingenommen. Essen ist kaum noch möglich, Sprechen nur eingeschränkt, selbst das Atmen wird zur Belastung. In der Klinik wird der Tumor operativ entfernt – insgesamt fast ein Kilogramm Gewebe. Der Eingriff gelingt, Jainaba hat überlebt. Sie kann wieder essen, sprechen und am Leben teilnehmen. Was für sie am wichtigsten ist: Sie kann wieder für ihre Kinder da sein.
Während Erkrankungen wie die von Jainaba in Europa gut behandelt werden können, fehlt vielen Menschen in Gambia ein verlässlicher Zugang zu medizinischer Hilfe. Hier wird die ASB-Klinik zur zentralen Anlaufstelle – vor allem für Frauen und Kinder. Sie liegt in Dippa Kunda, einem dicht besiedelten, städtischen Gebiet in Serrekunda mit überwiegend einkommensschwacher Bevölkerung, und wurde 2002 als kleine Gesundheitsstation gegründet.
ASB-Klinik ist oft die einzige realistische Chance
Die Patientinnen und Patienten kommen nicht nur aus ganz Gambia, sondern auch aus benachbarten Ländern wie Senegal oder Guinea-Bissau. Nicht selten legen sie dafür weite Strecken zu Fuß zurück. Oft ist die ASB-Klinik ihre einzige realistische Chance auf eine Behandlung. Njabou Jallow ist gambische Krankenschwester und seit über 20 Jahren Teil des Klinik-Teams. Sie kennt die Lebensrealität vor Ort genau. „Viele kommen erst sehr spät zu uns“, so Jallow. „Oft haben sie lange gewartet, weil sie kein Geld haben oder nicht wissen, wo sie Hilfe bekommen können.“
Rund 62 Mitarbeitende arbeiten in der ASB-Klinik: 58 gambische Fachkräfte, unterstützt durch zwei internationale Kolleginnen aus Europa sowie zwei Fachärzte aus Kuba. Zusätzlich sind gambische Ärzte als Aushilfen tätig. Gemeinsam versorgt das Team jährlich rund 30.000 Patientinnen und Patienten, begleitet über 1.000 Geburten und führt Hunderte Operationen durch.
Für die spezialisierten Behandlungen reisen regelmäßig Fachärztinnen und Fachärzte aus Deutschland und der Schweiz nach Serrekunda. Ihr Einsatz ist ehrenamtlich, viele Mitwirkende kommen jedes Jahr wieder. Beim Projekt FACE, das seit 2006 besteht, geht es für die Betroffenen um weit mehr als einen medizinischen Eingriff. Fehlbildungen oder Erkrankungen im Gesicht führen in vielen Regionen Westafrikas zu Ausgrenzung und Stigmatisierung. Von der Behandlung von Lippen-Kiefer-
Gaumen-Spalten über die Entfernung von Tumoren bis hin zu rekonstruktiven Eingriffen ermöglichen die Operationen den Patientinnen und Patienten, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Vor der ASB-Klinik in Dippa Kunda warten täglich zahlreiche Menschen auf ihre Behandlung.
Was in Europa im Hintergrund läuft, wird in Gambia schnell zum Problem
Wie wichtig diese Hilfe vor Ort ist, zeigt auch die Geschichte des 16-jährigen Ousman: Seine Familie wollte bereits den älteren Bruder nach Europa schicken, um Geld für die Operation zu verdienen – ein gefährlicher Weg. Durch das FACE-Projekt konnte Ousman in Gambia behandelt werden. Als sein Bruder davon erfuhr, kehrte er um. „Ihr habt zwei Leben gerettet“, sagte er später.
Seit 2019 ergänzt das orthopädische Projekt JUMP diese Arbeit. Hier werden Menschen mit unbehandelten Brüchen oder chronischen Wundheilungsstörungen versorgt. Die Behandlung endet dabei nicht mit der Operation: Die Patientinnen und Patienten werden so lange in der ASB-Klinik betreut, bis sie wieder mobil sind – etwa durch die Versorgung mit Prothesen.
In der ASB-Klinik ist vieles nicht planbar. Medikamente, medizinisches Material und technische Ausstattung sind fast ausschließlich Importware. Lieferzeiten sind unberechenbar, Kosten schwanken stark – und wenn etwas fehlt, gibt es oft keine schnelle Alternative. Vieles muss organisiert, improvisiert oder über weite Wege beschafft werden. Auch die Infrastruktur ist unzuverlässig: Strom fällt aus, Logistik funktioniert nur eingeschränkt, Ersatzteile fehlen. Was in Europa im Hintergrund läuft, wird hier schnell zum Pro-blem. Für das Team bedeutet das, täglich flexibel zu reagieren und zu priorisieren. Njabou Jallow beschreibt es so: „Kein Tag ist planbar. Aber wir geben alles, um jedem zu helfen. Und wenn ein Kind nach einer Behandlung wieder lacht, dann wissen wir, warum wir das tun.“
Nicht spektakulär, aber lebensverändernd
Ohne Partner wie die gemeinnützigen Vereine „Ärzte helfen“ und „Drive to Help“ wäre die Arbeit in ihrer heutigen Form nicht möglich. Im Vergleich zu früheren Jahren deckt die ASB-Klinik derzeit nur noch etwa die Hälfte ihrer laufenden Kosten selbst. Globale Krisen wirken sich in Ländern wie Gambia oft unmittelbar und besonders hart aus: Was in Europa eine Preissteigerung ist, wird hier schnell zur existenziellen Frage – etwa wenn einfache Dinge wie Einmalhandschuhe plötzlich zum Luxusgut werden.
Bereits 2001 wurde der ASB Gambia mit Unterstützung des ASB Lüneburg gegründet – eine Grundlage, auf der die Arbeit bis heute aufbaut. Eng verbunden ist auch der ASB Niedersachsen, der die Zusammenarbeit künftig wieder intensivieren will, unter anderem beim weiteren Aufbau medizinischer und rettungsdienstlicher Strukturen. So wird Hilfe konkret und nachhaltig wirksam.
Für die Menschen vor Ort entsteht etwas, das über die eigentliche medizinische Versorgung hinausgeht: Vertrauen in neue Perspektiven und in ein selbstbestimmtes Leben. Die ASB-Klinik ist kein Ort spektakulärer Medizin. Sie ist ein Ort, an dem mit begrenzten Mitteln Großes erreicht wird – und an dem ein Eingriff mehr verändert als die Gesundheit.
Text: Gudrun Lehmbeck/Tina Düselder
Spendenkonto ASB Gambia
Sparkasse Lüneburg
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